08. März 2006 |
10. März 2006 |
An einen Begründer der Initiative »Freiheit statt Vollbeschäftigung«, Sascha Liebermann |
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[134] über den Internet-Auftritt der ähnlichen Initiative von Götz Werner bin ich zu Ihrem Plakat gekommen. Ich finde Ihren und Herrn Werners Vorschlag gut. Auch teile ich Ihre Skepsis bzw. Ihre Kritik am Festhalten des Ziels der Vollbeschäftigung. Ich möchte jedoch an einzelnen der von Ihnen aufgeführten Punkten oder Thesen Detailkritik üben, die letztlich in Zweifel zieht, dass das bedingungslose Grundeinkommen bereits in der Lage wäre, unserer Wirtschaft bzw. der Gesellschaft eine Perspektive der Stabilität zu verleihen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den Versuch unternähmen, diese Kritik zu entkräften. Gleichwohl möchte ich betonen, dass ich sowohl die Ziele einer solchen Initiative gutheiße als auch den Ansatz. Wenn Sie sich jetzt fragen, worin denn dann noch die Zweifel bestehen, dann will ich zur Veranschaulichung zwei Vergleiche bringen: |
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[135] 1. Wenn Sie in Südafrika Aids-Generika zu erschwinglichen Preisen auf den Markt bringen, dann ist das eine gute Sache mit einem guten Effekt. Und es ist eindeutig besser, als gar nichts zu tun. Aber es löst die Ursache des Aids-Problems und somit auch das Problem selbst nicht. Dazu ist eine umfassende Aufklärung erforderlich und entweder ein Heilmittel oder ein Handeln (bzw. Unterlassen), das die Weiterverbreitung von Aids beendet. |
[17F] © Was meinen Sie denn hiermit? Will man die Verbreitung von AIDS, wenn wir bei diesem Vergleich bleiben wollen, aufhalten, muss man aufklären. Sie informieren damit den Einzelnen, wie das Virus übertragen wird usw. Das heißt aber noch nicht, dass der Einzelne verantwortungsvoll handelt. Wenn Sie dies auf das BGE übertragen, können Sie sagen: Natürlich wissen wir nicht, wie die Einzelnen sich entscheiden, wenn wir das BGE einführen. Wir wissen also nicht, wie sie mit dieser Freiheit umgehen. Aber: Sie erhalten Möglichkeiten, die sie ergreifen können – doch ergreifen muss der Einzelnen sie selbst. Freiheit ist genauso wenig erzwingbar wie der verantwortungsvolle Umgang mit AIDS. In unserem Land handeln die meisten doch verantwortungsvoll, deswegen brauchen wir uns auch keine Sorgen darüber zu machen, ob sie die Chance der Freiheit ergreifen würden. |
[136] 2. Wenn Umweltschutzverbände Erfolge an allen »Fronten« (Kampagnen, Umweltschutzziele) melden, aber das Klimaproblem nicht in den Griff bekommen, dann ist das eine Zeitlang ganz schön, aber all diese Erfolge werden früher oder später durch den infolge klimatischer Veränderungen innerhalb sehr kurzer Zeit aufgebauten, massiven Anpassungsdruck auf die bis dahin geschützten und bewahrten Arten zunichte gemacht (siehe meinen Brief an die Chefin von Greenpeace Deutschland). |
[17G] © Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen. |
[137] Zu Ihrer 1. These: »Halten wir dennoch an der ausschließlichen Verteilung von Einkommen über Arbeitsleistung fest, führt das entweder zu steigender Arbeitslosigkeit oder zu sinkenden Einkommen.« |
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[138] Es ist unzutreffend, (implizit) zu behaupten, es gäbe ausschließlich Einkommen aus Arbeitsleistung. Es existieren in Deutschland gigantische Einkommen, die nicht aus Arbeitsleistung erzielt werden. Ein Teil davon sind Sozialtransfers, ein anderer Teil sind leistungslose Kapitaleinkünfte. Letztere betragen allein in Deutschland täglich rund eine Milliarde Euro und begünstigen die Inhaber mittlerer bis sehr hoher Vermögen bis weit über das sozial Gebotene hinaus. |
[17H] © Die Einkommen, die wir als reguläre und legitime Einkommen betrachten, von denen Ansprüche auf Transferleistungen abgeleitet (!) sind, sind Erwerbseinkommen. Transfereinkommen zur Sicherung des Lebensunterhalts sind bei uns Ersatzeinkommen (!), wie wir in all unseren Papieren, die ebenfalls auf der Website liegen, argumentieren. Sie erhalten sie nicht ohne Vorleistung und schon gar nicht bedingungslos. Selbst die Sozialhilfe hat zum Zweck, dass der Empfänger, soweit er nicht als »nicht erwerbsfähig« eingestuft wird, in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren soll. Damit sie Kapitaleinkünfte erzielen können, worauf Ihre Frage offenbar zielt, muss entweder der Einzelne diese Einkünfte irgendwann erzielt haben über Arbeit, oder er hat diese Einkünfte von jemandem geerbt, der sie über Arbeit erzielt hat. Sie erkennen daran, dass das als Leistung nur anerkannt wird, was sich mit einem Beitrag im Arbeitsmarkt verbindet, das gilt auch für den Erben, der damit etwas Vernünftiges machen muss. Der Jet-Set genießt ja gerade keine große Wertschätzung, weil er sein Vermögen nicht produktiv einsetzt. |
[139] Anzuzweifeln ist ferner, dass das Festhalten an Einkommen aus Arbeitsleistung auf jeden Fall zu steigender Arbeitslosigkeit oder zu sinkenden Einkommen führt. Um diese Behauptung zu entkräften, muss niemand wieder auf die Bäume oder in die Höhlen zurückkehren. Die Frage, ob sich eine Arbeit lohnt, ist eine Frage der damit verknüpften Renditeanforderung. Wenn heute Arbeitsplätze erst ab einem Ertrag von zehn Prozent geschaffen werden, weil alles, was darunter liegt, ohne vergleichbares Risiko und ohne Engagement mit der Eröffnung eines geeigneten Bankkontos erzielt werden kann, dann werden solche Arbeitsplätze eben nicht geschaffen bzw. bestehende abgebaut. |
[17I] © Was ist nun der Einwand? Für unsere These gibt es doch zahlreiche Belege, beobachten Sie alleine die Entwicklung in Deutschland. An der gestiegenen Arbeitslosigkeit werden Sie kaum zweifeln und an den Working Poor sicher auch nicht. Sie schreiben ebenfalls, dass die Arbeitsplätze abgebaut werden, ein weiterer Beleg. Der entscheidende Punkt ist doch die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, dass ein steigendes BIP mit sinkendem Arbeitsvolumen (in Arbeitsstunden) hergestellt werden kann. Rationalisierungsfortschritt und Renditeerwartungen sind nicht dasselbe. Ersteres orientiert sich daran, wie Abläufe optimiert werden können, auch zum Zweck der Ressourcenschonung, auch der Schonung von Arbeitskraft. Renditeerwartungen hingegen leiten sich daraus nicht unmittelbar ab. Dass Rendite notwendig ist, steht außer Frage, aber welche Höhe sie haben soll oder muss, ist damit nicht bestimmt, auch nicht »wissenschaftlich« herleitbar. Es handelt sich um eine praktische Frage, wie hoch man glaubt, dass sie sein müsse. Rationalisierungsfortschritt bedeutet für ein politisches Gemeinwesen dann stets: Handlungsmöglichkeiten zu schaffen, z.B. Zeit zurückzugewinnen, die nicht mehr in die Gütererzeugung fließen muss. Sind die technologischen Möglichkeiten der Entlastung von Arbeitskraft einmal entwickelt, wird es sofort praktisch unvernünftig, über ihre Nutzung nicht nachzudenken. |
[13A] Sie mögen einwenden, dass diese Betrachtung nur für abhängig Beschäftigte in Kapitalgesellschaften gilt. Sie gilt für alle abhängig Beschäftigten. Ikea ist keine Kapitalgesellschaft. Sollte dessen Eigentümer darum weniger aus seinen Angestellten herausholen wollen als die Vorstände von Aktiengesellschaften? |
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[13B] Wie aber sieht es mit Selbstständigen aus? Wo ist da die Renditeforderung? Im günstigsten Fall bauen diese ihre Tätigkeit auf keinerlei Kapitaleinsatz, sondern allein auf ihren persönlichen Fähigkeiten auf. Was wäre also in einem Szenario fortschreitender Automatisierung und damit Entbehrlichkeit menschlicher Tätigkeit, in dem jeder sein eigener Unternehmer ist? |
[17J] © Jeder kann dann sein eigener Unternehmer sein, wenn er nicht mehr davon abhängig ist, mit einem Gut ein Einkommen zu erzielen. Solange aber sie ein Einkommen erzielen müssen, bedarf dies eines Gewinns, der erwirtschaftet werden muss. Gegenwärtig sind sie alle strukturell gezwungen, ihre Arbeitskraft anzubieten, das wären sie unter Bedingungen des bedingungslosen Grundeinkommens nicht mehr. Außerdem erfinden Maschinen nicht sich selbst; es wird auch, bei allem Automatisierungsfortschritt, zukünftig weiter der Erwerbstätigkeit bedürfen, aber anteilig für viel weniger Arbeitskraft. Wenn nun ein BGE bereitstünde, wäre die Verpflichtung aufgehoben, nur und vor allem über Erwerbsarbeit ein Einkommen zu erzielen. |
[13C] Zunächst muss man sehen, dass es Automatisierung auf absehbare Zeit nicht zum Nulltarif gibt, d.h., Computer und Roboter entwickeln sich noch nicht autonom. Dahinter steckt bislang eine menschliche Abstraktions- und Modellierungsleistung, die im Allgemeinen teuer bezahlt werden muss. Sie wird daher nur dann in Auftrag gegeben, wenn der dafür veranschlagte Aufwand geringer ist als die zu erwartende Einsparung von Lohnkosten. Diese Betrachtung fällt umso eher negativ aus, je niedriger das Lohnkostenniveau ist – wie man am Automatisierungsgrad von Ländern mit niedrigem Lohnniveau ablesen kann. |
[17K] © Die Frage ist doch: Wollen wir, wenn wir Maschinen entwickeln, nur aus Kostengründen auf sie verzichten? Das ist auch eine politische Entscheidung, also eine Entscheidung darüber, wie wir leben wollen. Langfristig sind Maschinen nicht nur rentabler; sie erlauben es auch, dass wir Lebenszeit zur freien Verfügung zurückgewinnen, wenn es menschlicher Arbeitskraft zur Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen nicht mehr oder weniger bedarf. Lohnhöhen sind eben auch politische Preise für den Einsatz von Arbeitskraft. |
[13D] Ich sehe zwei Grenzszenarien der weiteren Entwicklung: In der ersten entwickeln die Menschen immer neue Bedürfnisse, die noch nicht durch Automatisierung befriedigt werden. Bis diese erfolgt ist, müssen Menschen für diese Bedürfnisbefriedigung arbeiten. Damit haben sie eine Einkommensquelle. Das ist also unproblematisch. In der zweiten Entwicklungsrichtung entwickeln sich die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr weiter, d.h., irgendwann sind alle Menschen arbeitslos, weil durch Maschinen ersetzt. (Die Realität sehe ich im ersten beschriebenen Szenario.) |
[17L] © Ein Szenario ist eben nur ein Szenario. Wir müssen die Realität betrachten, und daraus können wir schließen, dass trotz all dieser »neuen Bedürfnisse« das zu ihrer Erzeugung notwendige Arbeitsvolumen, sofern es sich um standardisierbare Güter handelt, abgenommen hat. Für einen ganz anderen Bereich, der Hinwendung zum Menschen, sei es in der Familie, sei es in pflegerischen Berufen, oder das Engagement im Gemeinwesen, bedarf es zuallererst eines Einkommens, mit dem der Lebensunterhalt gesichert wird, ergo: ohne Arbeit gegenwärtig kein legitimes Einkommen. Wir hätten heute also die Möglichkeit, dem Einzelnen größere Freiheit zu geben, indem wir das BGE einführen. Das ermöglicht gerade Diversität und Pluralität. Viele Dinge, die heute keinen Absatz finden bzw. nicht rentabel produziert werden können, wären mit einem BGE möglich. Sie wären eben vom Absatz nicht abhängig. Es geht also nicht darum, wie es oft verkürzt heißt, ob uns die Arbeit ausgehe, sondern ob wir Freiheitschancen ergreifen wollen. Die Produktivität erlaubt uns dies, sie ist kein Fluch, sondern ein Erfolg. |
[13E] Man könnte nun sagen, dass das ja kein Problem sei, weil auch alle Menschen rundum versorgt seien, nämlich durch die Maschinen. Aber das führt zur Frage, ob die Maschinen denn auch kostenlos arbeiten bzw., wenn sie das nicht tun, wem sie eigentlich gehören, d.h., wem die Erträge aus ihrem Betrieb zufließen. Wenn die Produkte der Maschinen nämlich nicht kostenlos sind, ist auch die Rundumversorgung von arbeits- und daher einkommenslosen Menschen nicht gewährleistet. Das schließlich führt zu der Frage, wie mit der Akkumulation von Kapital z.B. in den Händen der Besitzer von Produktionsmitteln wie diesen Automaten umgegangen wird, in welchem Maße also eine Gesellschaft toleriert, dass der Kapitalfluss, der eine marktorientierte Wirtschaft am Laufen hält, durch Akkumulationen zum Stocken gebracht wird und damit auch Einkommensquellen austrocknet. |
[17M] © Die Maschinen gehören heute dem Unternehmer bzw. dem Unternehmen. Will das Gemeinwesen seinen Anteil von dem Gewinn haben, muss es eine Abschöpfungsmöglichkeit schaffen, wie z.B. Steuern oder Abgaben. Das haben wir heute, das werden wir auch zukünftig benötigen, doch muss es ein Steuerwesen sein, das nicht die Werterzeugung hemmt. Die Konsumsteuer scheint mir hier der bislang interessanteste Vorschlag. Unternehmerisches Handeln erwächst ebenso aus der Chance der Freiheit wie anderes Engagement auch. Als Gemeinwesen müssen nur einen Weg der Abschöpfung finden, der die Wertschöpfung fördert. [17N] © »Wenn die Produkte der Maschinen …« Weshalb nicht? Ein BGE würde dies möglich machen. [17P] © »Das schließlich führt zur Frage …« Was meinen Sie denn? Wir haben doch kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem. |
[13F] Damit ist diese Erörterung noch nicht vollständig. Aber um sie vom Umfang her zu begrenzen, will ich hier vorerst eine Erwiderung abwarten. |
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[13G] Zu Ihrer 3. These: »… Arbeitslosigkeit ist kein Zeichen von Armut, sondern ein Ausdruck der Produktivität und des Vermögens unseres Landes.« |
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[13H] Die Korrelation ist leider nicht dargestellt, aber ich nehme an, das soll heißen: Hohe Produktivität und hohe Vermögen führen zu hoher Arbeitslosigkeit. Wenn das wirklich so wäre, müssten Länder mit geringerer Produktivität oder/und weniger Wohlstand eine entsprechend niedrigere Arbeitslosigkeit aufweisen. Dieser Zusammenhang dürfte sich kaum signifikant verifizieren lassen. Ist der Zusammenhang eventuell anders gemeint? |
[17Q] © Produktivität und Vermögen im Sinne von Leistungsfähigkeit, nicht die volkwirtschaftliche Definition ist hier gemeint. Daraus folgt nicht, dass unsere Produktivität für unsere Misere verantwortlich ist, wie manche schlussfolgern. Vielmehr ist sie der Grund dafür, dass wir heute vor der Möglichkeit stehen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Leistungsfähigkeit sich dadurch noch besser entfalten wird. [17R] © »Wenn das wirklich so wäre …« Darum geht es nicht. »Arbeitslosigkeit« ist ein Artefakt, das es nur gibt, weil es eine Definition davon gibt, wie Einkommen erzielt werden muss. Archaische Gesellschaften kennen gar keine »Arbeitslosigkeit«. |
[13I] Zu Ihrer 6. These: »Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung hat zur Folge, dass Arbeitslose und Arbeitnehmer für die wirtschaftliche Produktivität unseres Landes bestraft werden.« |
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[13J] Ich würde sagen, ein Ziel oder ein Festhalten daran hat noch gar keine Folge, sondern erst die Schritte zur Erreichung dieses Ziels. Und die sind hier leider nicht benannt. Richtig ist, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen des Zwangs zur Mindestrentabilität jeder zusätzliche Arbeitslose, der aus wirtschaftlichen Nöten wieder in den Arbeitsmarkt strebt, auf die verbliebenen Arbeitsplätze einen Kostendruck ausübt – und natürlich auch auf alle Arbeitslosen, die erst noch wieder einen Arbeitsplatz finden wollen. Auch richtig ist jedoch, dass der Druck nicht allein von dieser Seite kommt, sondern eben auch vom Kapitalmarkt, wie bereits im Absatz 139 dargestellt. |
[17S] © Das Ziel der Vollbeschäftigung angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung (siehe oben) erhebt Arbeit zum Selbstzweck, obwohl der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft zur Erzeugung der Güter abgesunken ist. Das Ziel »Vollbeschäftigung« enthält eine normative Vorstellung davon, worin ein sinnvolles Leben besteht. Jede Maßnahme eines Unternehmens, die mit Entlassungen einhergeht, wird ja kritisiert, weil sie das Vollbeschäftigungsziel, d.h., dass jeder seinen Unterhalt im Prinzip selbst erwirtschaften muss, unterläuft. Deswegen sagen wir auch, das Schaffen von Arbeitsplätzen sei zum Selbstzweck geworden, denn Vollbeschäftigung sieht ja im Arbeiten einen Zweck, nicht in der Werterzeugung. Dieser These weichen die Gewerkschaften übrigens auf interessante Weise aus. Sie entgegnen, es komme ja nicht darauf an, irgendwelche Arbeitsplätze zu schaffen, sondern sinnvolle. Wer aber definiert, ob ein Arbeitsplatz sinnvoll ist – die Gewerkschaften? Mit welchem Recht? Nur der Einzelne wird dies für sich beantworten können, ob er einen Arbeitsplatz für sich als sinnvoll erachtet. |
[13K] Zu Ihrer 7. These: »Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung hat zur Folge, dass Bürger ohne Not dauerhaft zu Tätigkeiten gezwungen werden, die automatisierbar sind. Automatisierbare Arbeit ist ersetzbare Arbeit; ersetzbare Arbeit kann nicht sinnstiftend sein.« |
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[13L] Es soll Menschen geben, die wollen keinen Sinn haben (entsprechend der Ansprache »Ohne dich ist Sand im Getriebe« oder auch »Ohne dich ist es kein Vergnügen«), sondern Spaß im Leben. Wenn man diese These als Imperativ formuliert, tun jene Menschen wohl gut daran, solchen Verzicht zu üben. Ich glaube, es gibt viele Menschen, denen genügt es vielmehr im Hinblick auf ihr Tun weitgehend, wenn ihre Arbeit einen Sinn hat. Das ist der Fall, wenn jemand ihre Arbeitsergebnisse braucht und dafür zu zahlen bereit ist und wenn sie davon leben können. Man kann sich natürlich auch weigern oder es zumindest stumpfsinnig finden, auch nur einen einzigen Handschlag zu tun, der mit der gleichen Qualität oder sogar besser von einer Maschine geleistet werden könnte. Aber das könnte teuer oder deprimierend werden. Es ist also eine noch nicht abschließend beantwortete Frage, wie mich als Individuum das Wissen beeinflusst, dass das, was ich gerade tue, prinzipiell oder real an anderem Ort von einem Gerät verrichtet werden könnte oder wird. |
[17T] © »Spaß« ist doch nicht »sinnlos«. Außerdem können politische Entscheidungen sich nicht an Ausnahmen orientieren, sondern müssen eine Regel zur Richtschnur haben. Aus meiner Forschung ist mir kein Fall bekannt, für den nicht die Sinnerfüllung im Zentrum der Lebensführung steht. Wenn heute von Spaß gesprochen wird, dann ist damit doch meist gemeint, eine Arbeit soll erfüllend sein, sie soll einem sinnvoll erscheinen. Spaß steht dann nicht am Anfang des Arbeitens, er resultiert aus dem Gelingen, durch Anstrengung einen Wert hervorzubringen, etwas Sinnvolles hervorzubringen. [17U] © »Ich glaube, es gibt viele Menschen …« Worin besteht denn dieser »Sinn«? Sie können natürlich in alles einen solchen Sinn hineindefinieren. Doch nehmen Sie das einfache Beispiel der Kassiererinnen im Supermarkt. Verfolgen Sie die Unterhaltungen, und Sie stellen fest, dass die Sinnentleerung dieser Tätigkeiten – sie könnten längst automatisiert werden – dazu führt, den Sinn woanders her beziehen zu müssen. Die Sinnentleerung wird kompensiert, sie müssen sich ja irgendwie damit arrangieren, solange sie den Job nicht aufgeben. Frustration am Arbeitsplatz, das Phänomen der inneren Kündigung usw. rührt ja daher, dass man sich mit der Arbeit und den Anforderungen nicht mehr identifiziert. Bei genauer Untersuchung stößt man immer auf ein Sinnstiftungsproblem. Es handelt sich nicht um einen Imperativ, sondern um eine Struktur, die man zwar leugnen kann, dennoch bleibt sie real. [17V] © »Das ist der Fall, wenn …« Nicht wenn ihre Arbeitsergebnisse mit Maschinen erzeugbar sind. Dann stellt sich beinahe von selbst die Frage, weshalb sie das alles noch machen. Dann muss ihre Leistung besser sein als die der Maschinen; ist sie das nicht, verschwenden sie ihre Lebenszeit. Dazu finden sich dann entsprechende Kompensationsphänomene wie z.B. dort, wo jemand eine sehr stupide Arbeit hat und sich in seiner Freizeit als Entschädigung unbedingt etwas »Gutes« tun, demonstrativ sich amüsieren muss. Eine Erfahrung aus unseren Diskussionen ist aufschlussreich: Wer mit seiner Arbeit unzufrieden ist, sich aber nicht traut, den Kram hinzuschmeißen oder sich nach etwas anderem umzuschauen, hält das bedingungslose Grundeinkommen für eine besondere Zumutung, steht ihm ablehnend gegenüber. Denn angesichts der Freiheit, die es eröffnet, wird die gegenwärtige Zumutung besonders deutlich. Statt diese Freiheit aber willkommen zu heißen, lehnt man sie vehement ab; sie führt einem ja vor Augen, dass man schon heute Möglichkeiten nicht ergreift, die sich einem bieten. Durch die Ablehnung der Idee hält man auch die Zumutungen, die man erträgt, auf Distanz. [17W] © »Man kann sich natürlich auch weigern …« Beobachten Sie das wirkliche Leben, dann werden Sie es entdecken. Verfolgen Sie Gespräche von Kassiererinnen, die substituierbar wären, über ihre Arbeit, und Sie stoßen genau auf das von uns gemeinte Phänomen. |
[13M] Den Zwang zur Verrichtung automatisierbarer Tätigkeiten habe ich nicht ganz verstanden. Durch wen wird dieser Zwang ausgeübt? Sofern wir von einem Arbeitgeber in der so genannten freien Wirtschaft sprechen, wird er wohl kaum jemanden zu automatisierbarer Arbeit zwingen. Er wird sich wahrscheinlich unter ökonomischen Gesichtspunkten zuerst fragen, ob es sinnvoll ist, unter Berücksichtigung von Automatisierungs- und Lohnkosten und weiterer betriebswirtschaftlicher Parameter einen Menschen durch eine Maschine zu ersetzen oder nicht. Kommt er zu einem positiven Entschluss, gewinnt also die Maschine, so verliert die These der »Zwangsarbeit« ihre Grundlage, nämlich den Menschen; gewinnt dagegen wieder der Mensch, dann hat der Unternehmer zwar ein Interesse an dem Arbeitnehmer, aber zwingen kann er ihn noch lange nicht. Das tut höchstens dessen wirtschaftliche Lage. Die Frage bleibt also zu klären: Wer oder was zwingt da? |
[17X] © Das ist (siehe oben) nicht zuallererst eine betriebswirtschaftliche Erwägung. Selbst wenn auf die Automatisierung, die möglich wäre, die aber nur deswegen nicht genutzt wird, weil menschliche Arbeitskraft billiger ist, verzichtet würde, wäre die Tätigkeit entwertet. Der Mitarbeiter wird ja nicht wegen seiner Produktivität und Leistungsbereitschaft erhalten, sondern nur, weil er billiger ist. Nur weil Sie sich keinen Computer leisten können, wird nicht die Benutzung der Schreibmaschine aufgewertet. Sie können am Computer viel schneller schreiben und korrigieren, benötigen weniger Papier usw. |
[13N] Zu Ihrer 9. These möchte ich nur fragen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Würde und Integrität von Menschen gewährleistet sind. Ich habe nämlich den Verdacht, dass jegliches politische Gemeinwesen bis in unsere Tage einer permanenten Erschütterung ausgesetzt ist, wenn dieses Kriterium angewendet wird. Damit will ich allerdings nicht in Zweifel ziehen, dass dies ein erstrebenswertes Ziel ist. |
[17Y] © Ganz einfach: Die Bürger müssen als Bürger anerkannt und respektiert werden. Wo wir die Möglichkeiten haben, Lebenszeit zurückzugewinnen und den Bürgern Freiraum zu eröffnen, setzen wir heute auf eine Workfare-Politik. Doch zu welchem Zweck? Wir haben Freiheitsmöglichkeiten und setzen stattdessen auf verschärften Arbeitszwang – ein Widerspruch, der das Gemeinwesen, nicht nur unseres, erschüttert. [17Z] © Ich verstehe nicht, weshalb Sie sich nicht auf unsere ausführlichen Erläuterungen und HGF beziehen, in denen manche Ihrer Fragen beantwortet wird. Die Thesen sind nur Thesen, die eine Diskussion anregen sollen. |
Mit freundlichen Grüßen |
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Stephan Geue |
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(Dieser Brief wurde am 10. März beantwortet.) |
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